Pressestimmen zu „Ilias“

„Ilias“ zwischen Waffenlobby und Imagepflege

Autor Volker Schmidt und Regisseur Zeno Stanek geben dem Heldenepos ein heutiges Gewand
Alle reden von Paris und Helena und von der Ehre, die wieder hergestellt werden muss. Doch nicht nur Achill weiß, dass er für mehr als „diese spartanische Tussi“ sein Leben riskieren soll. Es geht um strategische, geopolitische Überlegungen, es geht um Osterweiterung und die Waffenindustrie. Aber darüber wird bestenfalls dann gesprochen, wenn der engste Führungsstab beisammen sitzt. So, wie Volker Schmidt die „Ilias“ des Homer für das Theater der Jugend nacherzählt, kommt sie den Zuschauern ziemlich heutig daher. Die von Zeno Stanek inszenierte Uraufführung, die gestern, Dienstag, Nachmittag im Theater im Zentrum stattfand, darf als Erfolg gewertet werden.
Das ab Mitte Mai in die Kinos kommende Leinwandspektakel „Troja“ – mit Brad Pitt als Achill – wird mit gehörigem Aufwand ein Schwerter- und Sandalen-Epos bieten. Im Theater der Jugend funktioniert die „Ilias“ anders: Hermes (Harald Volker Sommer), der zwischen den Überresten griechischer Säulen die uralte Story aufleben lassen will, spult bereits nach wenigen Augenblicken den Heldenauftritt in Speer und Rüstung zurück an den Start: „So glaubt mir das keiner. Wir lassen die Geschichte heute spielen, dann wird das plastischer.“
Also wird Paris (Dennis Cubic) ein dümmlicher Schönling, ein Spielball in den Händen der Waffenlobby und Kriegstreiber, Helena (Tina Seydel) ein Girlie von heute, das seinen Spaß haben möchte, und Hektor (Alexander Aiman El Dib) zum MG-bewaffneten Soldaten, der eben die Hauptverbindung zum Flughafen zurückerobern konnte. Vor der Stadt gibt es im Griechenheer Zwist und Hader, doch auch in Troja regt sich Unmut, der vorerst nur durch eine Rede des Priamos (Klaus Rott) besänftigt werden kann: Gegen die „imperialistische Griechenmacht“ und die Freiheit des Vaterlands kämpft man eben lieber als für die Gespielin eines verweichlichten Fürstensöhnchens.
Das Duell zwischen Paris und Menelaos („Troja News“ berichtet live vom Schauplatz, dem Kreisverkehr an der Hafenausfahrt) bringt keine Entscheidung, das Schlachten geht weiter, und Regisseur Zeno Stanek bringt gemeinsam mit Lichtdesigner Erich Uiberlacker einen Hauch von „Apokalypse now“ auf die kleine Bühne. Endlich greift Achill (beeindruckend: Jürgen Schüller) wieder in die Kämpfe ein, ein Auftritt im Rambo-Manier. Gegen Ende wird es etwas diffus, und manche Fragen bleiben offen – etwa die nach dem Kriegsausgang. Das berühmte Pferd darf nicht mitspielen – es ist, streng genommen, nicht Teil der „Ilias“, und so erfährt man auch nichts vom traurigen Schicksal der belagerten Stadt.
Dennoch: Eine starke, heutige Version des Griechen-Epos, die davon erzählt, dass die Menschen in 3.000 Jahren nicht klüger geworden sind. Empfohlen für Leute ab 11 Jahren. (Wolfgang Huber-Lang, APA, 28. April 2004)

Der Wahnsinn des Krieges
„Einer schießt immer“ heißt es gegen Schluss. Die Auswirkung? Das Töten geht weiter und weiter und weiter . . .
Das Theater der Jugend präsentiert im Theater im Zentrum „Ilias“ nach Homer, aufbereitet von dem österreichischen Schauspieler und Autor Volker Schmidt. Als Musical beginnt’s, als Musical endet’s. Und dazwischen: Krieg, Handlungselemente aus der „Ilias“ in modernem Gewand. Die Sache bleibt immer dieselbe, die Verlogenheit und der Wahnsinn haben sich nicht geändert.
Warum es Kriege gibt? Ehre, Rache, Hab- und Machtgier. Gründe finden sich. Und die Mechanismen bleiben die gleichen: es wird motiviert, manipuliert, unterdrückt, befohlen, die Fäden gezogen, wie bei Marionetten. Die einzelnen Menschen sind nicht wichtig, man „verschiebt“ sie, besonders die Frauen waren und sind immer davon betroffen. Und die Männer werden „zurechtgebogen“. Wäre doch gelacht, wenn sich nicht aus fast jedem eine „Kampfmaschine“ machen ließe.
Zeno Stanek erzählt die Geschichte furios, entfesselt ein Inferno, ohne Gräuel zu zeigen. Die Atmosphäre ist so dicht, dass sie einem fast den Atem nimmt. Und das Darstellerteam ist hervorragend. Harald Volker Sommer als schräger Hermes, der durch das Geschehen führt, Tina Seydel (Helena), Sara Zangeneh (Kassandra), Klaus Rott (Priamos), Dennis Cubic (Paris), Alexander Aiman El Dib (Hektor), Jürgen Schüller (Achill), Matthias Lühn (Odysseus), Walter Mathes (Agamemnon), Sebastian Eckhardt (Menelaos), Roland Wolf, Peter Richter. Dazu ein bewusst minimalistisches Bühnenbild (Andreas Mathes) und stimmige Kostüme (Ulli Nö).
Eine wichtige, eine großartige Aufführung, welche die Kinder (ab 11 Jahren) und deren Begleitung hoffentlich zum Nachdenken bringt. (Lona Chernel, Wiener Zeitung, 29. April 2004)

„Einer schießt immer . . .“
Geld, Macht und Liebe, und das im ewigen Spiel der Männer: Mit einer modernen Version der „Ilias“ locken für das Theater der Jugend Autor Volker Schmidt und Regisseur Zeno Stanek ins Theater im Zentrum in die Liliengasse. Ein dramatischer Bilderbogen, frei nach Homer und ganz in der Art der US-Filmindustrie!
Griechenlands Helden werden bei der Erstürmung Trojas gezeigt. Und die Herren und Damen im Olymp schweigen dazu! Wen die Götter lieben, weiß selbst Götterbote Hermes – Harald Volker Sommer mit grünem Haar und schrägem Show-Kostüm – nicht mehr: Volker Schmidt und letztendlich auch Zeno Stanek erzählen die Geschichte ohne Mythos, holen die Helden von den Tausende Jahre alten Marmorsockeln und hieven das Ganze ins Heute zwischen New York und Bagdad. (…)
Die „schöne Helena“ (Tina Seydel) ist nur ein Vorwand, nicht aber der Grund für den Trojanischen Krieg anno 2004 in Wien. Macht, Waffengeschäfte und die „Osterweiterung“ in Richtung reiches Troja sind die Fakten, die die Griechen Agamemnon (Walter Mathes), Menelaos (Sebastian Eckhardt), Achill (Jürgen Schüller) und all die anderen vor den Toren der Stadt lagern lassen. (…)
Kurzweilig ist das von Zeno Stanek im Designer-Säulenhain (Bühne: Andreas Mathes) arrangierte Spiel, sogar pathetisch in einer gewissen Art. Aber Platitüden wie Männlichkeitswahn werden kaum entlarvt oder gar persifliert: Indianerspielen hat ja auch manchen Spaß gemacht! (Thomas Gabler, Kronen Zeitung, 29. April 2004)

Ein moderner Abgesang auf Ideale
Die mit Speeren bewaffneten Sandalen-Krieger haben keine Chance: „So glaubt mir das keiner. Wir lassen die Geschichte heute spielen, dann wird das plastischer“, meint Götterbote Hermes. Und tatsächlich geht es bei Volker Schmidts Neu-Adaption von Homers Epos „Ilias“ plastisch und auch drastisch zu.
Denn bei Volker Schmidt und Regisseur Zeno Stanek ist die „spartanische Tussi“ Helena (Tina Seydel) nicht der Grund für den Krieg zwischen Griechen und Trojanern. Ihre Entführung durch den koksenden und saufenden Feigling Paris (gefährlich in seiner Schwäche: Dennis Cubic) dient nur als Vorwand für einen Kampf um Macht und Bodenschätze. Und wirtschaftliche Interessen zählen mehr als Tausende Tote.
Achill (stark: Jürgen Schüller) als moderner Rambo, Priamos (Klaus Rott) als kalter Technokrat der Macht, Hektor (Alexander Aiman El Dib) als hart gedrillte Kampfmaschine und Odysseus (Matthias Lühn) als skrupelloser Zyniker – Schmidt und Stanek zeigen einen heutigen, medial aufbereiteten Krieg.
Im (akustischen) Bombenhagel fällt Troja letztlich; im Schützengraben lassen junge Rekruten ihr Leben. Und der Sender „Troja News“ überträgt alle Kämpfe live. Denn die paar antiken Säulen (Bühne: Andreas Mathes) hat Hermes (ein DJ: Harald Volker Sommer) in eine Cocktailbar verwandelt, in der Kassandra (Sara Zangeneh) von „blutigem Regen“ träumt.
Schmidt und Stanek gelingt die Quadratur des Kreises: Modernes Theater, das Homers „Ilias“ gut erzählt und zugleich die Mechanismen jedes Krieges seziert. Ehre, Treue, Patriotismus – nur der Profit gilt noch als Tugend. „Irgendwer schießt immer“, meint Hermes zuletzt. Auch das Theater der Jugend hat diesmal voll ins Schwarze getroffen. (Peter Jarolin, Kurier, 30. April 2004)

Modern Times in Troja
Er hat grüne Haare, trägt einen Lila Frack, singt „New York, New York“ und begrüßt das Publikum mit „Hallo Menschen“. Der Götterbote Hermes (Harald Volker Sommer) ist in Zeno Staneks Inszenierung der „Ilias“ eine ungewöhnliche Erscheinung – und gleichzeitig Moderator des Nachmittags. Zunächst entschuldigt er seine Götter-Kollegen: „Es geht so drunter und drüber bei den Menschen, dass sie mit ihrer göttlichen Ordnung gar nicht erst anfangen.“
Zeus hat ihn beauftragt, den Menschen die Geschichte von Troja zu erzählen – auf dass sie etwas lernen. „Damit es plastischer wird, lassen wir sie heute spielen,“ meint Hermes. Vorspul-Geräusche ertönen, und die antiken Säulen auf der Bühne strahlen plötzlich in poppigem Grün. Paris (Dennis Cubic) und Helena (Tina Seydel) liefern sich ein Beziehungs-Duell: „Du musst nicht die ganze Zeit reden, ich glaube dir auch so, dass du da bist“ – „Hast du zugenommen?“
Hektor (Alexander Aimann El Dib), in Uniform und mit Maschinengewehr, faucht Paris an: „Wir kämpfen hier wegen deiner Lüsternheit.“ Doch im Grunde wissen beide Seiten – Griechen und Trojaner –, dass es um mehr geht als um eine entführte Frau: Um Macht, Bodenschätze und die griechische Demokratie. Priamos (Klaus Rott) bringt die Sache auf den Punkt: „Helena lässt sich medientechnisch noch immer gut verkaufen.“
Schmidt und Stanek gelingt es hervorragend, Homers Grundthemen jugendlich-neu zu verpacken: Die Brutalität des Krieges (Samurai-Kämpfe und Hubschrauber), die Manipulation des Volkes (24-Stunden-Berichterstattung durch „Troja-News“) und Machtspiele (Politiker-Gehabe des Priamos).
Zum Schluss gibt es auf allen Seiten nur Trauer: Priamos trauert um Hektor, Achill um Patroklos und Paris um Helena. Die „Sternstaubprinzessin“ will von ihm nichts mehr wissen – tanzend verlässt sie mit Hermes die Bühne. (dt, Die Presse, 3. Mai 2004)

 

Inszenierung „Ilias“